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Akteneinsicht für Pflegeeltern – Warum sie Zugang zur Herkunftsgeschichte brauchen und was rechtlich gilt

    Pflegekinder tragen oft große Fragen mit sich herum: „Warum bin ich nicht bei meinen leiblichen Eltern?“, „Bin ich schuld?“, „Wer bin ich eigentlich?“. Schon ganz kleine Kinder spüren, dass ihre Geschichte anders ist – auch wenn sie sich noch nicht ausdrücken können. Umso wichtiger ist es, dass Pflegeeltern von Anfang an beginnen, kindgerecht über die Herkunft zu sprechen. Ein zentrales Thema dabei ist die Akteneinsicht von Pflegeeltern, denn nur wer Informationen hat, kann diese kindgerecht weitergeben.
    Dieser Artikel beleuchtet, warum Pflegeeltern rechtlich gesehen Zugang zur Biografie ihres Pflegekindes brauchen, welche Rollen dabei eine Rolle spielen und wo rechtliche Grenzen bestehen.

    Wissen schafft Sicherheit

    Kinder, die nichts über ihre Vergangenheit wissen, füllen die Lücken oft selbst – mit Fantasien, Schuldgefühlen oder Ängsten. Studien zeigen: Wenn Pflegekinder ihre Geschichte verstehen dürfen, können sie sich emotional besser stabilisieren, ihre Identität entwickeln und Vertrauen in Beziehungen aufbauen (vgl. Lattschar & Wiemann, 2018; Schwebe, 2021).

    Biografiearbeit beginnt also nicht erst mit dem ersten selbst formulierten „Warum?“. Sie beginnt mit der Haltung der Pflegeeltern: offen, ehrlich, wertschätzend – und mit dem Wissen darüber, was das Kind erlebt hat.

    Rollenvielfalt von Pflegeeltern

    Pflegeeltern sind mehr als nur Erziehende auf Zeit. In manchen Fällen übernehmen sie zusätzliche rechtliche Rollen, zum Beispiel als Ergänzungspfleger:innen für bestimmte Lebensbereiche des Kindes (z. B. Gesundheitsvorsorge oder Schulangelegenheiten). In dieser Funktion vertreten sie das Kind in Teilbereichen der elterlichen Sorge und haben damit auch Zugriffsrechte auf bestimmte Informationen.

    Gleichzeitig stehen sie meist in engem Kontakt zum Vormund des Kindes, der – sofern den leiblichen Eltern das Sorgerecht entzogen wurde – die rechtliche Vertretung des Kindes übernimmt. Das kann ein Amtsvormund (Jugendamt) oder ein ehrenamtlicher Einzelvormund sein.

    Pflegeeltern müssen in ihrer jeweiligen Rolle also genau wissen:

    • Wofür bin ich zuständig?
    • Welche Informationen darf ich erhalten?
    • Welche Anträge oder Gespräche darf ich eigenständig führen?

    Recht auf Information – aber nicht um jeden Preis

    Nach § 33 und § 36 SGB VIII haben Pflegeeltern das Recht, in die Hilfeplanung eingebunden zu werden und Informationen zu erhalten, sofern sie für die Ausübung der Erziehung notwendig sind. Insbesondere bei Fragen zur Biografiearbeit gilt: Je mehr Pflegeeltern wissen, desto besser können sie ihrem Kind helfen.

    Aber: Der Zugang zu Informationen ist rechtlich begrenzt. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der leiblichen Eltern spielen hier eine wichtige Rolle. Deshalb kann es sein, dass Unterlagen zwar generell eingesehen werden dürfen, aber geschwärzt sind oder bestimmte Inhalte nicht weitergegeben werden dürfen (vgl. DSGVO Art. 5 und Art. 9).

    Die Institution, die die Daten erfasst zw. verarbeitet hat, entscheidet darüber, welche Informationen weitergegeben werden dürfen und muss sich an die entsprechenden Vorgaben halten.
    Ab einer gewissen Größe und Komplexität der Institution gibt es eine Person, die für den Datenschutz zuständig ist (Datenschutzbeauftragte:r). Diese wird im Zweifelsfalle hinzugezogen und ist gleichzeitig auch Ansprechpartner, wenn du Fragen zu den Formalitäten hast. Wichtig zu wissen: Wenn du einen Antrag auf Akteneinsicht stellst, muss von Seiten des Datenschutzbeauftragten innerhalb von vier Wochen auf deine Anfrage reagiert werden!

    Mögliche Informationsquellen

    Welche Daten kannst du nun sammeln, wo oder bei wem? Dazu musst du dir erstmal vor Augen führen, welche Lebensstationen dein Pflegekind bis heute schon durchlaufen hat. Neben der Geburt und ggf. Taufe und der Zeit ín der Herkunftsfamilie können das Aufenthalte bei Tagesmüttern, Kindertagesstätten, Kliniken, Fördereinrichtungen, Mutter-Kind-Einrichtungen, Inobhutnahmestellen oder Schulen sein:

    Jugendamt/Pflegekinderdienst

    Sie sind die zentrale Schnittstelle für alle Informationen rund um das Pflegeverhältnis. Hier liegen meist die Akten zur Inobhutnahme, Hilfeplanung und zur Herkunftsfamilie. Du kannst bei Bedarf Einsicht in relevante Dokumente beantragen – in enger Abstimmung mit dem Vormund oder der Fachkraft, die für die Fallakten verantwortlich ist. Wichtig ist dabei, klar zu benennen, warum eine Information für die Erziehung oder Biografiearbeit notwendig ist und den Antrag nicht im eigenen Namen sondern stellvertretend im Namen des Kindes zu stellen.

    Familiengericht

    Wenn es gerichtliche Entscheidungen zum Sorge- oder Umgangsrecht gab, sind diese dort dokumentiert. Pflegeeltern haben in der Regel keinen direkten Zugang, können aber über den Vormund Informationen erfragen. Auch Ergänzungspfleger:innen können unter bestimmten Voraussetzungen Einsicht erhalten, wenn der von ihnen vertretene Bereich betroffen ist.

    Frühere Einrichtungen

    Kliniken, Kitas, Schulen oder stationäre Einrichtungen verfügen häufig über wertvolle Informationen über Entwicklungsverzögerungen, Diagnosen oder Verhaltensweisen. Ob und in welchem Umfang Auskunft erteilt wird, hängt vom konkreten Einzelfall, der Schweigepflicht und der Einwilligung durch die sorgeberechtigte Person (oft der Vormund) ab. sofern möglich, kann hier ein wertvoller, emotional bedeutsamer Austausch stattfinden. Gerade Erzieher:innen und Lehrer:innen teilen oft sehr persönliche Erinnerungen und Geschichten, die für für dein Pflegekind ganz besonders wichtig sein können, weil sie alltägliche, schöne und witzige Informationen liefern und die Geschichte mit „Leben“ füllen.

    Biografiearbeit gemeinsam mit der Herkunftsfamilie

    Ein besonders wertvoller Zugang zur Lebensgeschichte kann entstehen, wenn es möglich ist, den Kontakt zur Herkunftsfamilie so zu gestalten, dass ein Austausch über die Vergangenheit des Kindes gelingt. Das kann zum Beispiel beinhalten:

    • das gemeinsame Erstellen eines Stammbaums
    • das Sammeln von Fotos aus der Herkunftsfamilie
    • das Erfragen von Namen, Berufen oder Lieblingsessen wichtiger Bezugspersonen
    • das Erzählen von Familiengeschichten, die das Kind emotional verorten.

    So wird die Herkunft nicht zum Tabu, sondern zu einem Teil der Identität, der für dein Kind großen Wert bekommen kann. Gleichzeitig transportiert dein Interesse an der Herkunft des Kindes und vor allem an positiven Erlebnissen und Stärken der Familie deine Wertschätzung gegenüber der leiblichen Familie. Das ist ein starkes Signal und kann sich sehr positiv auf eure Beziehung und Kommunikation auswirken. Dein Kind kann euch so als Team erleben und erfährt, dass beide seine Familien gemeinsam für seine Entwicklung zusammenarbeiten können und wollen. Das ist ein „Pfund“ in der Wahrnehmung von Pflegekindern!

    Du hast recht – werde aktiv!

    Du trägst, wie alle Pflegeeltern, eine besondere Verantwortung, indem du dein Kind nicht nur im Alltag begleitest, sondern auch bei seiner Entwicklung, seinem Wachsen und Gedeihen.
    Die Geschichte zu verstehen – WIRKLICH zu verstehen – die schwierigen Wahrheiten anzunehmen, aber nicht alles zu verteufeln, was früher war. Sich zurechtfzuinden zwischen alten Routinen und neuen Regeln, die leiblichen Eltern lieb haben zu dürfen, aber auch die Pflegeeltern – das alles ist eine große Herausforderung für das Kind (und auch für alle Eltern). Es ist aber mit die wichtigste Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Es lohnt sich, Energie in die Aufarbeitung zu investieren. Bescheid zu wissen ist der erste Schritt.

    Damit das gelingt, braucht ihr Zugang zu Informationen – rechtlich, emotional und praktisch. Sucht aktiv nach Wegen, die Vergangenheit begreifbar zu machen – sensibel, respektvoll und kindgerecht.

    Wenn du dich noch unsicher fühlst, wie du zum Beispiel mit dem Jugendamt zu diesem Thema ins Gespräch kommen sollst, dann schau gern noch zum Artikel „Wissen gibt Sicherheit – aktiv nach der Herkunftsgeschichte fragen“. Da findest du auch den Leitfaden mit den passenden Fragen zum Ausdrucken und Mitnehmen. 🙂

    Quellen