Stell dir vor, du blätterst in einem Buch – aber es fehlen Seiten. Manche sind eingerissen, andere unleserlich. Und trotzdem versuchst du zu verstehen, worum es geht.
So fühlt es sich für viele Pflegekinder an, wenn sie auf ihr eigenes Leben zurückblicken.
Als Pflegeeltern kennen wir diesen Moment: Unser Kind schaut uns an – mit einem Fragezeichen im Gesicht oder im Herzen. Und wir spüren: Hier geht es um mehr als nur eine Antwort. Hier geht es um Identität.
Die spannende Frage ist: Wie erklären sich Pflegekinder ihre Herkunftsgeschichte?
Was passiert im Inneren eines Kindes, das wichtige Antworten nicht kennt – oder nur Bruchstücke davon?
Und wie kann ich als Pflegemutter oder -vater dabei helfen, dass diese Erklärungen nicht weh tun, sondern stärken?
In einer berührenden und klugen Studie hat die Pädagogin Judith Pierlings genau hingeschaut in ihrer Studie: Wie erklären sich Pflegekinder eigentlich ihre eigene Geschichte? Welche Gedanken, Gefühle und Deutungen entwickeln sie – ganz unabhängig davon, was ihnen „objektiv“ passiert ist?
Kinder konstruieren ihre eigene Wahrheit
Pierlings zeigt in ihrer Arbeit: Kinder sind keine passiven Empfänger von Erklärungen. Sie sind aktive Sinngeber:innen. Sie basteln sich ein Bild davon, wer sie sind und warum ihr Leben so ist, wie es ist.
Pflegekinder entwickeln so mit der Zeit eigene Deutungen. Sie (er)finden Erklärungen – dafür, warum sie nicht bei Mama und Papa leben, warum bestimmte Dinge passiert sind oder wie das alles zu ihnen „gehört“.
Manche dieser Deutungsmuster helfen ihnen, sich selbst besser zu verstehen und anzunehmen.
Andere wiederum verunsichern sie, machen Angst oder geben ihnen (ungerechtfertigt!) die Schuld.
Das kann das Kind verunsichern oder verletzen:
👉 „Ich war zu viel.“
👉 „Ich bin anders als die anderen.“
👉 „Irgendetwas stimmt mit mir nicht.“
oder auch stärken:
👉 „Meine Mama war krank, aber sie hat mich trotzdem lieb gehabt.“
👉 „Ich bin zu meiner Pflegemama gekommen, weil ich Schutz gebraucht habe.“
Warum das so wichtig ist
Diese inneren Geschichten wirken tief. Sie beeinflussen das Selbstwertgefühl, das Vertrauen in Beziehungen und das Gefühl von Zugehörigkeit. Sie können Mut machen – oder lähmen. Hoffnung geben – oder beschämen.
Deshalb ist es so entscheidend, dass wir als Pflegeeltern einen Raum schaffen, in dem unsere Kinder über ihre Geschichte nachdenken dürfen.
Und zwar nicht mit vorgestanzten Antworten oder idealisierten Märchen. Sondern mit echtem Interesse, Offenheit und der Bereitschaft, auch das Unfertige stehen lassen zu können.
Und jetzt kommt der Teil, der dich betrifft:
🧡 Du kannst mitgestalten, welche Geschichte im Inneren deines Pflegekindes entsteht.
Nicht indem du die Deutungen vorgibst – sondern, indem du
✨ zuhörst,
✨ Fragen aushältst,
✨ kleine Puzzlestücke beisteuerst
✨ und erkennst, wann dein Kind gerade dabei ist, Sinn zu suchen.
Was heißt das für die Biografiearbeit?
Es geht nicht nur darum, Fakten zusammenzutragen – sondern darum, Raum für eigene Bedeutungen zu schaffen.
Du kannst deinem Kind helfen, Worte für das Unsagbare zu finden.
Du kannst entlasten („Du bist nicht schuld.“), einordnen („Deine Mama war krank.“), und vor allem: da sein, wenn neue Deutungen entstehen.
Denn das Ziel ist nicht, dass dein Kind alle Antworten hat.
Sondern dass es sagen kann: „Ich bin mehr als das, was passiert ist.“Hier sind ein paar Impulse aus der Praxis – angelehnt an die Erkenntnisse von Pierlings:
1. Werde zur Begleiter:in – nicht zur Erklärer:in.
Dein Kind wird sich selbst Deutungen zusammenbauen – so oder so. Deine Aufgabe ist es, diese Prozesse sensibel zu begleiten, nicht zu steuern.
2. Erkenne die Fragen hinter dem Verhalten.
Manche Kinder sprechen wenig über ihre Herkunft – aber stellen unbewusst immer wieder Fragen. Durch Wut, Traurigkeit, Rückzug oder auffälliges Verhalten. Versuche, dahinter zu hören.
3. Sprich über das „Warum“ – nicht nur über das „Was“.
Viele Biografiearbeiten beschränken sich auf das Sammeln von Fakten. Viel wichtiger ist aber: Was bedeuten diese Fakten für dein Kind? Welche Schlüsse zieht es daraus?
4. Hilf beim Sortieren – nicht beim Zudecken.
Manche Wahrheiten sind schwer. Aber Schweigen ist oft noch schwerer. Du kannst helfen, schwierige Themen so einzuordnen, dass sie nicht überwältigen.
5. Achte auf „rote Fäden“.
Kinder suchen nach dem Sinn. Nach dem, was ihre Geschichte zusammenhält. Vielleicht ist es ihre Stärke. Oder ihr Mitgefühl. Oder ihr Mut. Hilf deinem Kind, diesen roten Faden zu erkennen.
Die Geschichte gehört deinem Kind
Pflegekinder brauchen – wie alle Menschen – eine Geschichte, die sie verstehen können. Die ihnen Sinn gibt. Die sie stärkt.
Unsere Aufgabe ist es, diesen Prozess liebevoll zu begleiten, ohne ihn zu dominieren.
Denn: Eine gute Geschichte heilt nicht alles.
Aber sie macht vieles leichter.
👉 Möchtest du dein Pflegekind dabei unterstützen, seine Geschichte zu verstehen – weißt aber manchmal nicht, wo du anfangen sollst?
Dann trag dich gern in meinen Newsletter ein oder schreib mir direkt. Ich arbeite gerade an einem Angebot, das genau dabei hilft: Biografiearbeit, die eure Beziehung stärkt – und deinem Kind Orientierung gibt.