Kennst du das Gefühl, immer funktionieren zu müssen? Nie zu schwach sein, stets stark bleiben, leisten, durchhalten – egal, wie es dir wirklich geht?
Viele Menschen erleben ihr Leben wie ein Dauerlauf: Verpflichtungen, Erwartungen, To-do-Listen. Statt echter Zufriedenheit bleibt oft nur ein vages Gefühl von Druck – und innerer Leere.
Was wäre, wenn dieses Muster gar nicht dein eigenes ist? Sondern etwas, das du von deinen Eltern – oder sogar Großeltern – übernommen hast?
Was Glaubenssätze mit unserer Kindheit zu tun haben
Glaubenssätze sind Überzeugungen über uns selbst, das Leben und die Welt – meist tief in der Kindheit verankert. Wir übernehmen sie durch das, was uns gesagt wurde, aber noch stärker durch das, was unausgesprochen blieb.
Typische Glaubenssätze aus der Kindheit, die noch heute wirken:
- „Ich muss stark sein.“
- „Gefühle sind gefährlich.“
- „Ich darf keine Fehler machen.“
- „Das Leben ist ein ständiger Kampf.“
- „Ich bin verantwortlich für das Glück der anderen.“
Solche inneren Überzeugungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind oft Ausdruck der familiären Prägung – gelebte Lebensstrategien, die einst sinnvoll oder sogar überlebenswichtig waren.
Vererbte Muster verstehen – Genetik oder Prägung?
Wusstest du, dass auch Erfahrungen, die du selbst nie gemacht hast, in dir nachwirken können?
Studien zeigen, dass traumatische Erlebnisse nicht nur psychisch, sondern auch biologisch weitergegeben werden können – durch sogenannte epigenetische Vererbung. Dabei verändern extreme Erfahrungen (wie Gewalt, Verlust oder dauerhafter Stress) die Genregulation – und diese Veränderungen können über Generationen weitervererbt werden.
Viele Menschen, die heute im mittleren Alter sind, wurden von Eltern erzogen, die selbst noch unter den Auswirkungen von Krieg, Flucht oder emotionaler Not litten – auch wenn darüber kaum gesprochen wurde.
Diese Generation wird häufig als „Kriegsenkel“ bezeichnet: Menschen, die nicht den Krieg selbst erlebt haben, aber seine Folgen tief in sich tragen – etwa in Form von überhöhtem Pflichtgefühl, Leistungsdruck oder emotionaler Distanz.
Doch auch jenseits von Kriegsfolgen wirken sich traumatische Prägungen aus der Familiengeschichte auf nachfolgende Generationen aus – oft unbewusst.
Warum wir das Leben unserer Eltern weiterleben
Wenn du dich dabei ertappst, ständig funktionieren zu wollen – obwohl du erschöpft bist –, könnte das auf eine vererbte Überlebensstrategie hindeuten. Vielleicht spürst du:
- den Drang, immer stark und unabhängig zu sein
- Angst davor, dich jemandem wirklich zuzumuten
- das Gefühl, „nicht genug“ zu sein
- ein inneres Verbot, „einfach nur glücklich“ zu sein
Solche Muster waren in früheren Generationen oft sinnvoll – sie sicherten Zugehörigkeit oder sogar das Überleben. Doch heute sind sie oft Blockaden, die uns von einem erfüllten, echten Leben abhalten.
Gespräche als Schlüssel zur Veränderung
Ein erstaunlich wirksames Werkzeug, um diese Muster zu hinterfragen und aufzulösen, sind offene Gespräche innerhalb der Familie. Warum? Weil du dadurch die Ursprünge bestimmter Glaubenssätze erkennst – und ihre damalige Funktion verstehst.
Denn was einmal notwendig war, muss heute nicht mehr gelten.
Fragen wie:
- „Wie wurde mit den Bedürfnissen meiner Eltern umgegangen, als sie noch Kinder waren?“
- „Welche Sätze wurden in meiner Familie oft gesagt – oder nie gesagt?“
- „Was wurde in unserer Familie verschwiegen?“
…helfen dir, ein vollständigeres Bild zu bekommen. Mitfühlender. Klärender. Und häufig auch heilend. Denn das Schweigen zu brechen, ist oft der erste Schritt zur Veränderung.
Oft sind diese Fragen aber zu groß, um sie zwischen Kaffee und Gebäck zu stellen. Darum versuche es lieber mit einfacheren Zugängen. Wie wäre es mit „Was war denn dein größter Wunsch, als du ein Kind warst… vielleicht als Schulkind?“ – und schau, wie das Gespräch sich entwickelt. Gab es überhaupt Wünsche, war es erlaubt, Wünsche zu haben und zu äußern? Wenn ja, wie wurde auf den Wunsch reagiert? Ist da Freude oder Trauer in der Erinnerung, oder Wut? Eine weitere Frage könnte dann sein: „Was hast du denn sonst Schönes erlebt?“ oder „Worüber hast du dich denn sonst so richtig gefreut als Kind?“.
Versuche, die ersten Gespräche auf etwas Schönes zu beziehen, damit dein Gesprächspartner sich öffnen kann und gerne mehr erzählt. Ist der Anfang gemacht, ergeben sich weitere Gelegenheiten leichter, und geben Raum für andere Fragen.
Selbst wenn direkte Gespräche mit den Eltern nicht (mehr) möglich sind, kannst du dich über Briefe, alte Fotos oder Gespräche mit anderen Verwandten den Themen annähern. Selbst alte Freunde können viel erzählen, denn sie haben über die Jahre viel beobachtet und erfahren, das dir helfen kann, deine Fragen zu beantworten.
Was nun?
Du darfst Pausen machen.
Du darfst Bedürfnisse haben.
Du darfst Fragen haben.
Du darfst fühlen.
Du darfst dein Leben neu schreiben – unabhängig davon, was dir früher beigebracht wurde.
Denn du bist nicht hier, um nur zu funktionieren. Du bist hier, um lebendig zu sein.
Du hast das Gefühl, da steckt mehr dahinter, als man bei einem Gespräch in der Familie auflösen kann? Dann schau dir mal an, ob die kreative Genogrammarbeit was für dich ist und melde dich bei mir. Mit dieser Methode (und meinem Gespür für die richtigen Fragen 🙂 drösle Stück für Stück mit dir auf, woher deine Muster kommen!