Du bist gerade dabei, Pflegeeltern zu werden, stehst in der Anbahnungsphase oder hast bereits ein Kind aufgenommen? Vielleicht spürst du, dass dir noch wichtige Puzzleteile fehlen, um dein Pflegekind wirklich zu verstehen. Du bist nicht allein. Viele Pflegeeltern berichten, dass sie zu wenig über die Herkunftsgeschichte ihres Kindes wissen – obwohl genau dieses Wissen so wertvoll wäre, um Sicherheit im Alltag zu gewinnen und das Kind feinfühlig begleiten zu können.
In diesem Beitrag erfährst du, warum es so wichtig ist, aktiv nach Informationen zu fragen – und vor allem: dass du dazu das gute Recht hast.
Warum die Herkunftsgeschichte so wichtig ist
Jedes Kind hat eine Geschichte – auch wenn es selbst (noch) nichts davon erzählen kann. Die Vergangenheit deines Pflegekindes lebt in seinem Verhalten, seinen Reaktionen, seinen Gefühlen. Manchmal zeigt sich das in scheinbar unerklärlichen Wutausbrüchen, Ängsten oder Rückzug. Wenn du weißt, was dein Kind erlebt hat, kannst du vieles besser einordnen und ihm mit mehr Verständnis begegnen.
Biografiearbeit beginnt nicht erst, wenn das Kind selbst sprechen kann – wenn du die Chance nutzt, beginnt sie mit dir.
„Ich wollte nicht zu viel fragen …“ – Ein weit verbreiteter Irrtum
Viele Pflegeeltern zögern, Fragen an das Jugendamt oder andere Fachkräfte zu stellen.
Vielleicht hast auch du gedacht:
- „Ich will mich nicht einmischen.“
- „Wahrscheinlich darf mir das gar nicht erzählt werden.“
- „Ich will nicht misstrauisch wirken.“
Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Dein Interesse zeigt Verantwortungsbewusstsein – und Fachkräfte begrüßen in der Regel, wenn Pflegeeltern engagiert und offen sind.
Deine Rechte als Pflegeelternteil – Klarheit durch das Gesetz
Wusstest du, dass du ein Anrecht auf relevante Informationen hast, die für das Kindeswohl wichtig sind?
📌 Nach § 37 SGB VIII (Zusammenarbeit bei Hilfen außerhalb der eigenen Familie) und § 36 SGB VIII (Mitwirkung bei der Hilfeplanung) hast du Anspruch darauf, an allen Entscheidungen und Planungen beteiligt zu werden, die das Kind betreffen.
📌 Zudem darfst du Informationen zur Herkunft, zu bisherigen Lebensumständen, familiären Bezügen, Geschwistern und wichtigen Ereignissen im Leben des Kindes erhalten – soweit diese für die Betreuung und Entwicklung des Kindes notwendig sind.
Kurz gesagt: Du musst nicht alles wissen, aber du darfst alles fragen, was dir hilft, dein Pflegekind gut zu verstehen und zu begleiten. Wenn du mehr darüber erfahren willst, welche Rechte du hast, um Informationen für dein Pflegekind zu erhalten, dann kannst du dich in meinem Artikel „Akteneinsicht für Pflegeeltern“ darüber informieren.
So kannst du gute Fragen stellen – ein Interviewleitfaden hilft dir dabei
Um dich in Gesprächen mit Fachkräften sicherer zu fühlen, kannst du dich vorbereiten. Genau dafür habe ich einen kostenlosen Interviewleitfaden für dich entwickelt. Er hilft dir, die richtigen Fragen zu stellen – wertschätzend, gezielt und strukturiert.
(erscheint Ende März 2025)
Der Leitfaden unterstützt dich dabei, Informationen zu folgenden Themen zu erfragen:
- Lebenssituation und Erlebnisse vor der Inobhutnahme
- Beziehung zu den Herkunftseltern und Geschwistern
- Traumatische Erfahrungen oder Brüche
- Aktueller Stand der Herkunftsfamilie
- Sichtweise des Jugendamts zur Rückkehroption oder Dauerperspektive
Trau dich zu fragen – im Interesse deines Pflegekindes
Du bist nicht neugierig. Du bist verantwortungsvoll.
Die Informationen, die du erhältst, helfen dir nicht nur, das Verhalten deines Kindes besser zu verstehen. Sie geben dir Sicherheit im Alltag, helfen bei der Gestaltung der Biografiearbeit – und sie schaffen langfristig Vertrauen zwischen dir und deinem Kind.
Du darfst Fragen stellen. Du solltest es sogar.
Denn jedes Kind verdient es, in seiner Geschichte gesehen und gehalten zu werden. Und du als Pflegeelternteil verdienst es, gut informiert und gestärkt durchs Pflegeelternleben zu gehen.
Wissen schafft Verbindung
Dein Pflegekind bringt ein ganz eigenes Leben mit – und du gibst ihm nun einen neuen sicheren Ort. Je besser du sein bisheriges Leben kennst, desto einfühlsamer kannst du darauf eingehen. Und: Du gibst deinem Kind später die Möglichkeit, auf eine rekonstruierbare Vergangenheit zu blicken.
Nutze deine Möglichkeiten. Trau dich, Fragen zu stellen. Hol dir Unterstützung, wenn du sie brauchst – und lade dir gerne den Leitfaden herunter, um das nächste Gespräch gut vorbereitet zu führen.
Denn: Verstehen ist der erste Schritt zu Verbindung.